Das Ende der Wahrheit? Lyotards gefährliche Idee – scobel

Shownotes

Jean-François Lyotard gilt als einer der wichtigsten - und umstrittensten - Philosophen der Postmoderne. Doch wurde seine Philosophie wirklich verstanden? Oder erleben wir heute genau die Welt, die Lyotard bereits 1979 vorausgesehen hat?

Heute geht es um Wahrheit, Macht, Wissen, Digitalisierung und die Krise der großen Erzählungen. Warum zerfallen gemeinsame Wahrheiten? Warum wirken Gesellschaften immer fragmentierter? Und weshalb sind Konflikte über Sprache, Identität und Wirklichkeit heute so explosiv? Lyotards berühmtes Werk Das postmoderne Wissen liefert überraschend aktuelle Antworten.

Wir sprechen über Postmoderne, Aufklärung, Wittgenstein, Sprachspiele, Auschwitz, soziale Medien, Algorithmen und die Frage, ob es überhaupt noch eine gemeinsame Vernunft geben kann. Eine philosophische Reise mitten hinein in die großen Debatten unserer Zeit.

📅 Neue Ausgaben immer donnerstags, 19 Uhr.

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0:00 👉 Intro
1:49 👉 Lyotard: Ein schmales Buch, das es in sich hat
6:22 👉 Viele Sprachspiele, viele Wahrheiten statt einer Metasprache für alle
10:16 👉 Kurzes Zwischenspiel - Der Widerstreit
12:40 👉 Auschwitz und der Widerstreit
15:19 👉 Zwei verschiedene Welten: das was ist und das was sein soll
19:24 Was ist und was sein soll oder das Problem mit Deskription und Präskription
22:25 👉 Abschließende Diagnose

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Moderation, Recherche & Skript: Gert Scobel

Zeichnungen: Claus Ast

Eine Produktion der probono Fernsehproduktion GmbH:
Anja Görner, Friedrich Küppersbusch, Jürgen Ohls, Kim Plettemeier, Maxie Römhild und René Fischell

Mit Unterstützung von:
Alexander Hollmer, Annluise-Sophie Schröter, Arne Clasvogt und Pascal Hadré

Finanziert wird dieser Kanal vom gemeinnützigen AVE Institut für Achtsamkeit, Verbundenheit, Engagement (🔗 https://ave-institut.de/).

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Fragen und Anregungen gerne jederzeit per Mail an scobel@probono.tv.
Und Tschüss.
#scobel

Transkript anzeigen

00:00:00: Post-Moderne ist ein Begriff, der inflationär benutzt wurde und schließlich in Misskredit geriet weil sich in ihm angeblich alle übel falschen Denkens vereint haben.

00:00:10: War es zunächst nur dass der Begriff in unterschiedlichen Bereichen wie Architektur oder Literaturwissenschaft im Sinne eines historischen Zitats oder einer Anspielung verwendet wurde während er beispielsweise in der Philosophie, weniger eine Epoche.

00:00:24: Sondern vielmehr eine Denkweise meinte die erstens pluralistisch ist und sich zweitens ihrer eigenen Geschichtlichkeit bewusst war.

00:00:30: Neunzehnhundertneunundsebzig erschien zunächst auf Französisch und dann neunzehntunhundertsechsundachtzig auf Deutsch am Buch das über lange Zeit hinweg die philosophische Diskussion bestimmen sollte.

00:00:40: Jean-François Lyotard das postmoderne Wissen ursprünglich mal für den Universitätsrat der Regierung von Quebec auf Wunsch des Präsidenten verfasst.

00:00:50: Ich hatte das Glück, Jean-François Lyotard einige Mal persönlich zu begegnen und mich mit ihm zu unterhalten bevor er in Paris starb.

00:00:59: Zuvor lehrte er in Paris aber auch an der University of California oder in Yale.

00:01:06: Lyotard war in den Gesprächen sehr zugewandt und freundlich, während ihm insbesondere in Frankfurt – wo seine damaligen Hauptgegner saßen – extreme Abneigung entgegenschlug.

00:01:18: Das zeigte sich unter anderem in den Versuchen Übersetzungen seiner Werke bei renommierten Verlagen zu verhindern!

00:01:23: Das postmoderne Wissen erschien dann auch im österreichischen Verlag.

00:01:27: Für die Relikte der Frankfurterschule war Lyotar der Inbegriff des gefährlichen Hangs zur Unvernunft und zum Irrationalismus.

00:01:38: Ich hoffe, ich kann mit dieser Ausgabe über das postmoderne Wissen diesen Eindruck nicht nur zerstrollen sondern zeigen wie wichtig Lyotars Beitrag zu einer zeitgemäßen Aufklärung bis heute ist.

00:02:01: Lyotar nannte sein Buch ein Bericht.

00:02:04: Es sind die Beobachtungen und Fragen, die das postmoderne Wissen zu einem Schlüsselwerk machen.

00:02:09: Was Lyotardah in den ersten Blick geradezu unaufgeregt nüchtern klingt – und man kann sagen ja fast irgendwie selbstverständlich!

00:02:20: Wir leben in einer Welt gesteigerte Komplexität, in der viele Lebensformen, viele Diskurse, viele Wahrheitsansprüche und Interessen zeitgleich und nebeneinander existieren.

00:02:32: Oftmals ohne dass es eine gemeinsame Mitte oder einen Konsens gäbe.

00:02:37: Und was ist mit der universalen Vernunft der Aufklärung?

00:02:41: Gleich auf den ersten Seiten bezieht sich Lyotard auf eine Krise der Transformation, die in einem direkten Verhältnis steht zu einer Krise von Erzählungen – genauer der großen Meta-Erzählung!

00:02:53: Damit meinte er sowas wie das Christentum und dem Marxismus Erzählung, die ihre Selbstverständlichkeit... verloren haben.

00:03:00: Diese großen Erzählungen haben sich weitgehend zerstreut in Wolken, wie Lyotard schreibt und er meint damit wolkig unklare Sprachmuster aber in gewisser Weise auch schon das was wir heute Klaus nennen also Orte in der Ferne wo beliebig unterschiedliche nicht mehr miteinander kompensorable Daten prozessiert werden.

00:03:19: Was Lyotar beschreibt ist eine große Heterogenität als eine große Verschiedenartigkeit von Elementen ob nun in der Sprache oder in der Gesellschaft.

00:03:28: Wenn sie zusammengebracht werden, bilden sich lediglich lokale Muster die dann deterministisch und berechenbar sind.

00:03:35: Also eine klare Ordnung haben aber nicht alles übergreifend.

00:03:41: Entscheidungsträger und Unternehmen versuchen jetzt natürlich diese Wolken lokaler Bestimmtheit durch eine Logik zu verwalten, die Zitat Die Determinierbarkeit des Ganzen impliziert also der ganzen Gesellschaft eines ganzen Systems.

00:03:56: Und deshalb lautet die Aufforderung, die wir heute von Social Media und den großen Kapitalismus-Überwachungsunternehmen kennen.

00:04:03: Zitat Lyotard, wie gesagt, neunzehnundneunzebzig, wirkt mit sei commensurable oder verschwindet!

00:04:10: Das postmodernen Wissen unterwirft sich dieser Logik einer vereinheitlichenden Machtgrade nicht – und es verfeinert das Gespür für Unterschiede, die Sensibilität für Differenz.

00:04:24: Genau das wurde der Postmoderne später dann auch vorgeworfen.

00:04:29: Angeblich hat die Postmoderne den Weg bereitet für eine irre ins absolute abgleitende Fixierung auf Unterschiede, das Beispiel was dann immer kommt, Unterschiede in Bezug auf geschlechtliche Identitäten.

00:04:43: Doch Lyotard redet nicht von Identitäten!

00:04:45: Übersehen wurde auch, dass er im selben Satz und durchgehend dem Buch darauf hinweist.

00:04:50: Dass das postmoderne Wissen eine Form des Wissens ist.

00:04:53: die Zitat unsere Fähigkeiten verstärkt das Inkommensurabile zu ertragen.

00:05:00: Und die Frage ist eben wie machen wir das?

00:05:01: Also das zu erteilen was tatsächlich unterschieden ist und auch tatsächlich anerkannt werden sollte und zu lernen mit diesen Unterschieden zu leben.

00:05:12: Unterschiede anzuerkennen ist ja nicht zuletzt eine Frage der Gerechtigkeit.

00:05:18: Daraus ergibt sich ne weitere Frage, die Lyotar beschäftigt – was stellt nun eigentlich das soziale Band her?

00:05:24: Das hier ein Band zwischen unterschiedenden ist!

00:05:27: Was legitimiert dieses Band also diese Form des Zusammenhalts?

00:05:31: und wie sieht es aus?

00:05:33: Über vierzig Jahre später wurde in Deutschland das Forschungsinstitut gesellschaftlicher Zusammenhalt gegründet, um genau das zu untersuchen.

00:05:43: Jutta interessierte sich damals schon für die Frage welche Rolle dabei die Produktion von Wissen spielt?

00:05:48: Er sah damals bereits dass digitale Informationen uns alle einspannt in eine Verwertungskette, die für den Konsum bestimmt ist.

00:05:58: Seine Untersuchung zeigte, wie eng Wissen im Zeitalter der Informatik mit Strategien der Macht und bestimmten Regierungsformen verbunden war.

00:06:07: Wissen ist nicht zuletzt das Ergebnis eines Kampfes zwischen unterschiedlichen Perspektiven, Erzählungen, Theorien die sich im Widerstreit miteinander befinden – und genau das rückte Lyotard ins Zentrum seiner Analyse seines Berichts!

00:06:31: Dabei greift Lyotard zurück auf Ludwig Wittgenstein.

00:06:35: Wie Wittkenstein stellt der große Unterschiedlichkeit der Sprachspiele fest, die ihrerseits in unterschiedliche Lebensformen eingebettet sind und diese Lebensforme sind untereinander nur bedingt kompatibel und sie sind nicht zwingend commensurable.

00:06:50: das heißt es ist nicht immer möglich Sie zu vereinheitlichen und auf denselben Nenner zu bringen.

00:06:56: Diese Unterschiede im Leben, diese Pluralität der Perspektiven und Interessen befindet sich in Kampf mit einer vereinheitlichen totalisierenden Wahrheit.

00:07:07: Die der Praxis bestimmter Systemverwalter entspricht Soliota.

00:07:11: Und es ist dieser Meta-Diskurs, der alles bestimmen will, diese Praxis der großen Einheitserzählung Stichwort Christentum Maxismus also Form der Ideologie auch von der er behauptet die Seien zerfallen.

00:07:25: Einheitserzählungen sind umso problematischer, je mehr sie den Verwaltern entzogen und den Automaten anvertraut wurden.

00:07:34: Das schrieb Lyotard bereits neunzigneunzehntig.

00:07:38: Für Lyotart gibt es keine legitime Metersprache mehr – also eine Sprache die all diese unterschiedlichen Sprachen, Wissensspiele, die Kämpfe der Macht usw.

00:07:46: von außen regieren könnte und auf die sich alle in gleicher Weise beziehen könnte!

00:07:51: Es gibt daher auch keine neutrale Instanz, die urteilen könnte.

00:07:55: Das hier ist Wissen, das ist bloße Meinung, dass es richtig, das is falsch!

00:07:59: Der Vorwurf legt nahe aber Hörmerliotat.

00:08:01: Das iis doch jetzt blanker Relativismus.

00:08:05: Aber Liotat sagt nicht alles sei gleich gültig.

00:08:09: Wasser sagt iis was anderes und möglicherweise Schärfers?

00:08:13: Die Legitimationsfrage also... ...die Frage der Legitimmation von Wissen lässt sich nicht mehr zentral von einer Perspektive aus beantworten.

00:08:23: Nicht von einer Kirche, nicht von einer Partei oder von einer Universität und auch nicht von einem Algorithmus!

00:08:29: Und er beobachtet – und zwar mit einer Hellsichtigkeit, die aus heutiger Sicht wirklich erstaunlich ist -, dass das alte Prinzip der Aufklärung Wissen- und Bildung untrennbar zu verbinden sich zunehmend auflöst.

00:08:43: Wissen wird zur Ware.

00:08:45: Es wird produziert, nicht um Verstanden und von einem Geist aufgenommen und dann im Leben eine Rolle zu spielen, sondern um verkauft zu werden.

00:08:54: Und damit verschiebt sich alles!

00:08:56: Es geht nicht mehr um Fragen wie ist das wahr?

00:08:59: Sondern es geht darum – Ist es verwertbar?

00:09:01: Ist es effizient?

00:09:02: Hat es Impact?

00:09:03: Kriegt's die Leute

00:09:04: auf?!

00:09:05: Lyotard nennt das das Performativitätskriterium.

00:09:08: Und auch die Universitäten, also die Produktionsstätten von Wissen haben Teil daran, weil sie zu Unternehmen geworden sind.

00:09:16: Rankings bestimmen die Karrieren, Drittmittel dienen als Gradmesser für Erkenntnis und Wissen – und nun mal zur Erinnerung!

00:09:22: Es sah all das in einer Zeit kommen, in der das Internet lediglich eine Hand voll von Forschungskomputern weltweit miteinander verband.

00:09:30: Und was er ebenfalls voraus sah, war wie sehr diese digitale Entwicklung das soziale Band zerstören würde.

00:09:37: Sie macht aus der sozialen Gemeinschaft eine Zitat Aus individuellem Atom bestehende Masse Das, was Christoph Kucklick dann vor zehn Jahren die granulare Gesellschaft nannte.

00:09:49: und noch etwas bemerkte Lyotard dass wissen, dass lange Zeit durch diese großen Erzählungen zusammengehalten wurde erlaubte nicht nur eine Reihe unterschiedlicher Sprachspiele Es forderte und förderte auch unterschiedliche Kompetenzen im Umgang mit dieser Vielfalt.

00:10:06: Und es ist präzise diese Vielfald, die vielschichtige Pragmatik, die zunehmend durch neue Formen der Produktion von Wissen, zerstört wurde und wird.

00:10:20: Kurzes Zwischenspiel – Der Widerstreit.

00:10:22: Vier Jahre später, nachdem das postmoderne Wissen erschienen ist, also in den letzten Jahren, er schien die Philosophischen Hauptwerk Le Différan der Widerstreit.

00:10:33: Für mich ist dieses Buch eines der wichtigsten philosophischen Bücher in den letzten fünfzig Jahren.

00:10:37: Und jedes Mal, wenn ich darin lese, entdecke ich etwas das sich beim letzten mal buchstäblich überlesen hatte.

00:10:43: und es ist kein Zeichen von Unklarheit sondern es ist das Zeichen eines Textes, denn nach wie vor ein ganz zentrales Problem anspricht und hilft aus der Gegenwart heraus weiter zu denken, wenn er gelesen wird.

00:10:56: Gleich der erste Satz des Buches legt das ganze Problem auf den Tisch ohne es wegzuklären.

00:11:01: Er lautet Im Unterschied zu einem Rechtsstreit wäre ein Widerstreit, ein Konfliktfall zwischen wenigstens zwei Parteien der nicht angemessen entschieden werden kann.

00:11:12: Da eine auf beide Argumentationen anwendbare Urteilsregel fehlt.

00:11:17: Stellt euch vor dass sich zwei Menschen in einem fundamentalen Konflekt miteinander befinden und da ist kein Rechtskonflikt wo es sozusagen eine eindeutige Rechtsprechung gibt die übrigens auch nicht immer eindeutet.

00:11:28: Und dieser Konflikt, da geht es nicht um leicht feststellbare Fakten sondern über das was zählt.

00:11:33: Also ein Streit über die Sprache, über den Lebensinn moral eine Sprache in der man überhaupt erst sagen kann was einem wichtig ist und anderer akzeptiert diese Sprache gar nicht.

00:11:47: Denn die Sprachel der Opfer is ja eine andere als die Sprachen der Täter gibt es einen gleichsam allwissenden objektiven Richter, der von außen urteilen könnte ohne einer der Seiten von vornherein Unrecht zu tun.

00:12:02: Genau das ist das Problem und es beruht nicht auf einem Denkfehler oder auf dem Mangel an Logik- oder Aufgeklärtheit sondern auf der komplexen vielfältigen Struktur der Wirklichkeit, zu der eben diese reale Unterschiede von Perspektiven gehört.

00:12:17: Und all das ist kein logisches und auch kein sprachlogisches Problem.

00:12:20: Und nur selten ein Problem von Wissen, es ist nämlich vor allem ein Problem der Gerechtigkeit!

00:12:25: Und wer einen Diskurs beherrscht?

00:12:28: Der beherrscht auch die Menschen, die von ihm bestimmt werden.

00:12:32: Argumente und Lebensformen regeln sind nicht voneinander zu trennen – eine Ereignis, dass all das zeigt, ist der Holocaust.

00:12:47: Liutars Kritik ist mehr ist umfassender und existenzieller als die eines traditionellen Erkenntnistheoretikers.

00:12:53: Eine seiner zentralen Fragen lautet nämlich, wie können die Opfer von Auschwitz zu ihrem Recht kommen wenn sie es in der Sprache der Täter formulieren müssen?

00:13:03: Wie kann sich ein Jude vor dem Volksgerichtshof überhaupt

00:13:06: verteidigen?!

00:13:08: Diese Frage ist nicht abstrakt, sondern bis heute höchst konkret weil sie eine praktische Unmöglichkeit sehr präzise beschreibt.

00:13:15: Die Sprache der Institutionen, der Gerichte, der Kirchen und der Inquisition ließ damals und lässt heute immer noch keinen Raum für bestimmte Stimmen – und zwar nicht weil diese Stimmen fehlen, sondern weil die Grammatik des Diskurses Die Regel des Diskurses, sie ausschließt bevor Sie überhaupt beginnen können ihre eigene Geschichte angemessen zu erzählen.

00:13:38: Ein weiteres und gutes Beispiel dafür ist die lange quälende Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs.

00:13:43: Jahrzehnte lang konnten die Opfer nicht sprechen Nicht weil sich schwiegen, sie haben ja geredet Sondern weil die Sprache der Macht keinen Raum für sie vorgesehen hatte Und das nicht hören wollte was sie gesprochen haben.

00:13:57: Deshalb ist die Unterdrückungen einer Stimme Das heißt Unterschiedenheit durch die vereinheitliche Form eines Diskurses bereits Herrschaft.

00:14:06: Bevor das erste Wort gesagt ist, wird bereits das letzte Wort gesprochen.

00:14:10: Selbst der allergewöhnlichste Satz wird ja durch eine Gruppe von Regeln gebildet, die dann die Richtigkeit dieses Satzes bestimmen – ob er richtig gebildelt ist oder nicht!

00:14:19: Wie aber lässt sich ein solcher Satz mit einem nächsten Satz anderen setzen?

00:14:24: Zum Beispiel mit den Sätzen der Opfer verketten.

00:14:27: Gibt es eine Regel der Verknüpfung von Sätzen, die für alle Sätze gleich welcher Art gelten würde?

00:14:33: Mit Blick sowohl auf die Unterschiedlichkeit der Diskurse wie auch das Thema Gerechtigkeit argumentiert Lyotard dass solche letzten Sätze, letzten Urteile übersetzte, die gerade an der Nachstelle zwischen Sprachspielen und Lebensformen entstehen höchst problematisch sind.

00:14:50: In der Philosophie geht es nach Lyotar vor allem um die Verteidigung genau dieser Sätze im Dazwischen, die sich in diesem Widerstreit befinden.

00:14:59: Deshalb hat Philosophie für Lyotard immer die Perspektive der Opfer mitzudenken.

00:15:05: Scheinbar geht es beim Denken ja nur um Argumente.

00:15:09: Bei genauer Hinsinn ist das eine Illusion und diese Illusion kritiklos zu folgen bedeutet nicht selten bereits die Perspective der Täter eingenommen zu haben.

00:15:27: Eine der sich daraus ergebenden Schwierigkeiten auf die Lyotalen, das postmoderne Wissenaufmerksamacht ist die Spannung zwischen Deskription – also Beschreibung sagen was isst und Preskription dem Vorschreiben zum Beispiel einem moralischen Imperativ.

00:15:45: Im einen Fall geht es um dass was ißt im anderen um das was sein soll.

00:15:50: Wissen und Wahrheit hängen mit der Bereitschaft zusammen auf eine bestimmte Weise zu handeln, nämlich indem man sich verpflichtet für die eigenen Aussagen auch Beweise vorzulegen.

00:16:00: Aber selbst wenn jetzt ein solcher Beweis vorliegt was beweist denn eigentlich dass mein Beweis wahr ist?

00:16:08: Diotard schreibt es ist nicht so das ich etwas beweisen kann weil die Realität so ist wie ich es sage sondern So lange ich es beweisen kann, ist es erlaubt zu denken dass die Realität so ist wie ich sage.

00:16:22: und dann gibt's noch eine zweite Regel.

00:16:23: Zitat ein und derselbe Referenz kann nicht eine Vielzahl kontraktorischer und konsistenter Beweise liefern.

00:16:32: mit anderen Worten wir leben in der Spannung zwischen Verifikation und Falsifikation.

00:16:39: Und Wie schlichtet man jetzt diesen Streit?

00:16:41: oft wird gesagt daher durch Konsens.

00:16:44: Wissenschaftler zum Beispiel, die einigen sich einfach.

00:16:46: Aber nicht jeder Konsens ist ja auch ein Indiz für Wahrheit, schreibt Lyotard.

00:16:50: Aber man nimmt hier an, dass die Wahrheit eine Aussage unweigerlich den Konsens hervorruft!

00:16:56: Aber das isst keinesfalls so!

00:16:58: Zumal der Mathematiker-Code Gödel zeigte, dass es vereinfacht gesagt innerhalb eines Systems immer wahre Sätze gibt, die sich nicht beweisen lassen und falsche Sätze gib, die sie sich nicht widerlegen lassen.

00:17:08: Und daraus zieht Lyotards einen weitreichenden Schluss.

00:17:12: Zitat Ausgehend vom wissenschaftlichen könnte man also weder die Existenz noch den Wert des Narrativen beurteilen und umgekehrt, denn die relevanten Kriterien sind hier und dort nicht dieselben.

00:17:25: Also während einem Erzählermüdenerzähler der Wissenschaft gegenüber durchaus tolerant sein kann denkt naja das kann ich vielleicht in meiner Erzählung einbauen vielleicht ist es ja sogar wahr fragt die Wissenschaft einen solchen Erzähler Immer, ob das was er oder sie sagt sich denn auch beweisen lässt.

00:17:42: Aber narrative Aussagen sind eben keine Beweise im Sinne der Wissenschaft.

00:17:47: Wer aber entscheidet dann über die Bedingungen von dem was wahr ist?

00:17:51: Wer setzt mit welcher Legitimität den Rahmen dafür?

00:17:55: Die moderne Schradliota zeichnet sich dadurch aus dass sie die Bdingungen eines Diskoses also unter welchen Bedingung findet so eine Auseinandersetzung statt?

00:18:05: in einen Diskurs über die Bedingungen verwandelt hat.

00:18:08: Also jeder Diskurs hat natürlich bestimmte Bedingung, bestimmte Regeln, die seinen Ablauf bestimmen.

00:18:14: doch statt über den Inhalt dessen zu sprechen, über das man streitet weicht man aus in ein Streit.

00:18:20: über die Bedingungen.

00:18:20: dieses Streits passiert oft genug im Bundestag.

00:18:23: gleichzeitig erzählt die Moderne davon eine Geschichte des permanenten Fortschritts durch Wissen und Wissenschaften zu sein.

00:18:30: Aber lässt sich denn diese Behauptung des Fortschritts und damit die Bedingungen für die Richtigkeit dieser Erzählungen vom großen Fortschlag, denn es ist zunächst mal eine Erzählung auch tatsächlich belegen?

00:18:40: Und zwar so dass der Beweis dafür tatsächlich wissenschaftlichen Kriterien genügt.

00:18:45: Leotard weist darauf hin das es der deutsche Idealismus war, der diese große Metaerzählung erfunden hatte und immer weiter produzierte vor allen Dingen auch in den Universitäten.

00:18:55: Im deutschen Idealismus zufolge gab es eine Einheit von Realität, Wissenschaft und Fortschritt die der menschliche Geist erfassen kann.

00:19:04: Aber stimmt diese Erzählung?

00:19:06: Und falls ja wer ist denn heute dieser Geist dieses Metersuppjekt dieser großen Metererzählung?

00:19:13: oder wer verleiht zum Beispiel einer Universität ihre Legitimität?

00:19:17: Kaum jemand wird behaupten wollen Es sei der Geist den dieser Universität endlich zum Bewusstsein seiner selbst findet!

00:19:24: Was ist und was sein soll?

00:19:30: Oder das Problem mit Deskriptionen und Preskription.

00:19:34: Die Tradition der Aufklärung, ist in vielerlei Hinsicht mit den deutschen Idealismus und dem Ideal der Humboldtischen Universität verbunden.

00:19:41: Man glaubte nur Positives Wissen könne dazu dienen Das handelnde Subjekt so über die Realität zu informieren Dass es sich selbst in diese Realität einschreibt Und sich dann dieser entsprechend auch verhält.

00:19:55: Und das geht so.

00:19:56: Man fabriziert eine Beschreibung der Welt und glaubt, dass sich tatsächlich alle Menschen in dieser Beschreibungen wiederfinden – und folgert dann daraus, dass sie sich auch alle wie beschrieben gefälligst verhalten sollen!

00:20:09: Damit wird aber die Deskription also die Darstellung der Realität dessen was ist zu einer Preskription, also zu einer Anweisung, sich der Beschreibungsentsprechend zu verhalten.

00:20:19: Aber dient Wissen tatsächlich dazu oder kann Wissen dazu dienen Moralität und Ethik zu?

00:20:24: prägen, enthält Wissen überhaupt einen in ihm steckenden Auftrag das was gewusst wird auch in Handeln zu übersetzen und zur Realität werden zu lassen.

00:20:34: Wer das glaubt läuft Gefahr Wissen zum Mittel eines Zwecks zu machen.

00:20:39: Und dieser Zweck ist dann die Beherrschung der Wirklichkeit nach einem bestimmten Plan für alle.

00:20:44: aber wer bestimmt denn für eine Gemeinschaft welches wissen wie zu vereinheitlichen und damit umzugehen?

00:20:51: Voll ins Problematisch würde ich Sache dann, wenn Wissenschaftlerinnen dem Staat in dem sie ja lehren und für den sie forschen nicht mehr für gerecht halten.

00:21:00: Und genau das war Soliota ein zentrales Problem der Aufklärung!

00:21:04: Die Aufklärungen mit ihrer Aufforderung sich des eigenen Verstandes zu bedienen legitimierte ja geradezu abweichendes Wissen.

00:21:12: Sie stärkte die Autonomie des Einzelnen, der oder die den Mut haben sollte selber zu denken endlich, selber zu forschen – was folgt daraus?

00:21:21: Wer sagen kann, was ist, kann längst noch nicht sagen, was sein soll.

00:21:25: Denn zwischen Beiben, zwischen dem was ist und was sein sollen besteht ein fundamentaler Unterschied.

00:21:30: Das eine kann es andere nicht begründen.

00:21:32: Aus dem Wissen die Türes geschlossen – ein Wissen das ich jetzt durch selber denken und forschen rausgekriegt habe – kann ich den nächsten Satz ableiten nämlich öffne die Türe!

00:21:46: Beide Sätze hängen von unterschiedlichen Regeln ab und verlangen auch unterschiedliche Kompetenzen.

00:21:52: Beim einen muss ich beobachten, beim anderen muss sich was tun.

00:21:55: Wie aber organisiert die Gemeinschaft das soziale Band und das Zusammenspiel all dieser Kompetensen etwa zwischen Wissen und gerechten Handel?

00:22:04: Verwirrend daran ist dass das soziales Band immer auch sprachlich gewoben wird und auch auf sprachlich verfasstes Wissen verweist, aber dass diese soziale Band ist eben nicht nur aus dieser einzigen Faser der Sprache oder der Worte gemacht.

00:22:20: Entsprechend kann es an anderer Stelle auch reißen – die Gesellschaft kann zerspittern.

00:22:31: In der Diagnose trifft sich Lyotard überraschenderweise in manchen mit Luhmann, obwohl beide höchst unterschiedliche Ansätze haben und auch unterschiedliche Methoden benutzen.

00:22:41: Lyotards Diagnase lautet steigende Komplexität und ein gestiegenes Bewusstsein für diese Komplexkeit schaffen neu- und neuartige Probleme.

00:22:52: Das alte Prinzip einer universell geltenden Metersprache ist durch die Pluralität, also Vielfalt, formaler und axiomatischer Systeme ersetzt worden – das verändert den Blick auf eine universelle Vernunft, die jetzt zentral für die Aufklärung war!

00:23:09: Klassische Vernunft bestand ja vor allem aus Logik und Beweisen, die dann zu eindeutigen Schlüssen oder eindeute Negationen führen.

00:23:16: Die neue Vielfalt jedoch ist nicht mehr konsistent!

00:23:21: Was für die klassischer Vernunft noch Paradox war – und damit möglicherweise falsch – kann heute die Zustimmung einiger Experten und die Ablehnung anderer Expertinnen zur Folge haben.

00:23:32: Beweise zu liefern für eine wahre Aussage ist schwieriger geworden.

00:23:38: Und noch etwas unterscheidet die Vernunft der Aufklärung von der Postmodern, schien die Vernünft der Aufklarungen unabhängig im Geist jedes einzelnen Menschen zu existieren gibt es heute keine Verifikation oder Falsifikationen von Aussagen und damit keine Wahrheit ohne richtig Geld!

00:23:57: Die wissenschaftlichen Sprachspiele werden nämlich zunehmend zu Spielen der Reichen unter Unternehmen die sich alleine noch diese teuren Verfahren der Beweisführung und Forschungen leisten können.

00:24:08: Doch wie legitim ist mit Blick auf Wissen und Wahrheit ein solcher durch Geld, und damit immer auch Macht gesteuerte Diskurs?

00:24:15: Zumal Macht um Geld, Kontrolle auch über den Kontext ermöglichen – durch eben die Techniken-und Regelkreisen, die die Philosophin Anna Verena Nostoff im Gespräch hier in diesem Kanal als kubernetesische Steuerung beschrieb!

00:24:30: Wenn bestimmte Forschungsgebiete nicht mehr mithalten können, dann werden sie vom Geldfluss ausgeschlossen.

00:24:36: Sie vergreisen und sterben schließlich aus – sehen wir im Moment an in Hochschulen und Universitäten!

00:24:41: Universitäre Ehrlichkeit gehört so schön wie wahr insbesondere zur Zeit der Aufklärung bereits einer anderen Zeit an und reicht alleine nicht mehr aus.

00:24:50: Wichtiger ist es heute über zum Beispiel geeignete Technologien zu verfügen, über Geld das dann hilft Wissen UND den Kontext seine Anwendung zu kontrollieren.

00:25:01: Die großen Legitimationserzählungen von damals waren alle Bildungserzählung, Bildung.

00:25:07: das war die Triebfeder des Interesses für Wissen.

00:25:11: aber Bildung hat aufgehört relevant zu sein.

00:25:14: wir sprechen zwar nach wie vor über Bildung Aber sie spielt zum Beispiel in der politischen Realität eine immer geringere Rolle.

00:25:21: Stichwort Wie sehen die Schulen aus?

00:25:22: Wie sehen hier Hochschulen und Universitäten aus?

00:25:25: Was heute zählt und damit beend ich Lyotas Bericht von neunzehundertneunundsiebzig, ist der Zugang zu Datenbanken und den Techniken sie nach Verwertbaren abzusuchen.

00:25:36: Die Frage an euch lautet war Lyotar jetzt wirklich der Hexenmeister des Irrationalen wie die Frankfurter Schule gerne behauptete oder hat er kommende Probleme einfach sehr früh erkannt?

00:25:48: Ich glaube Lyotard hat tatsächlich Probleme aufgezeigt aber bewusst Keine Lösung, keine neue große Erzählung angeboten.

00:25:56: Warum?

00:25:58: Weil wir selbst die Lösungen finden müssen statt sie uns durch das Wissen anderer vorschreiben zu lassen.

00:26:04: Insofern bleibt Liutar der Aufklärung treu!

00:26:08: Mir scheint, Liutar hatte in vielen Recht und darüber sollten wir dringend reden.

00:26:13: Wie ist heute echte Aufklärungen weiter möglich?

00:26:17: Liutas Vermechnis is eine Art von moderner Wachheit.

00:26:20: Sie erfordert die philosophische Bereitschaft, unbequem aber gelassen zu bleiben um sich in den Widerstreit zu begeben und auch zuzuhören.

00:26:29: Aufklärung geht nur weiter wenn wir nicht schlafen!

00:26:33: Und tschüss!

00:26:46: Finanziert wird dieses Projekt von der gemeinnützigen Stiftung AVE, dem Institut für Achtsamkeit, Verbundenheit und Engagement.

00:26:54: Den Link dazu findet ihr in der Folgenbeschreibung.

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