Warum plötzlich Millionen Bücher im Müll landen – scobel
Shownotes
Warum landen plötzlich so viele Bücher im Müll? Und was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Während Wohnraum knapper wird, Menschen umziehen oder ihre Häuser verlassen, geschieht etwas Erstaunliches: Ganze Privatbibliotheken werden aufgelöst. Tausende Bücher, oft voller Notizen, Gedanken und Lebensgeschichte, verschwinden in Containern oder auf dem Recyclinghof. Doch geht dabei nur Papier verloren oder auch ein Teil unseres kulturellen Gedächtnisses?
In dieser Ausgabe geht es um Bücher, Wissen, Erinnerung, Bildung, Digitalisierung und die Frage, welche Rolle analoge Medien im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz noch spielen. Warum lehnen Bibliotheken viele Bücherschenkungen ab? Warum lesen junge Menschen immer weniger? Und weshalb könnten gedruckte Bücher gerade in einer Welt voller KI-generierter Inhalte wichtiger werden als je zuvor?
📅 Neue Ausgaben immer donnerstags, 19 Uhr.
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0:00 👉 Intro
1:24 👉 Das Bücher-Boomer-Problem
6:27 👉 Das Bücher-Problem: Erklärt von einem Umzugs-Spezialisten
10:21 👉 Allgemeine Bücher- und Lese-Aversion?
15:59 👉 Warum Bibliotheken Nein sagen
20:25 👉 Noch zwei Thesen…
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harald schmidt: bücher wegschmeißen. am besten verschweißt
👉 https://youtu.be/guAqz02be3k
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Moderation, Recherche & Skript: Gert Scobel Zeichnungen: Claus Ast Eine Produktion der probono Fernsehproduktion GmbH: Anja Görner, Friedrich Küppersbusch, Jürgen Ohls, Kim Plettemeier, Maxie Römhild und René Fischell
Mit Unterstützung von: Alexander Hollmer, Annluise-Sophie Schröter, Arne Clasvogt und Pascal Hadré
Finanziert wird dieser Kanal vom gemeinnützigen AVE Institut für Achtsamkeit, Verbundenheit, Engagement (🔗 https://ave-institut.de/).
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Fragen und Anregungen gerne jederzeit per Mail an scobel@probono.tv.
Und Tschüss.
#scobel
Transkript anzeigen
00:00:00: Manchmal stellst du fest, hey!
00:00:03: Du hast da ein Problem.
00:00:04: Aber erst mit der Zeit merkst du dann, dass du gar nicht die Einzige bist, die dieses Problem hat sondern es ist tausende Zehntausende vielleicht hunderttausenden Menschen gibt, die mehr oder weniger das selbe Problem haben.
00:00:16: Das macht das Problem nicht unbedingt leichter zu lösen aber... ...das Ausmaß wird sichtbar und macht auch die Folgen deutlicher.
00:00:23: Um ein solches Problem geht bis heute Und zwar weil ich das Problem Ehrlich gesagt, tatsächlich habe.
00:00:30: Und das hat mit Büchern zu tun!
00:00:32: Aber das erklärt Harald Schmidt viel genauer und knackiger.
00:00:35: und auf den Punkt... ...und ich muss sagen, dass mir seine Lead-Night-Auftritte tatsächlich fehlen.
00:00:41: Herzlich willkommen in der wichtigsten Literatursendung, meine Damen und Herren des ZDF.
00:00:46: Bücher weggeschmissen leicht gemacht.
00:00:48: Sie müssen natürlich erst mal Bücher haben um sie wegzumeißen.
00:00:50: Das ist schon klar.
00:00:51: Ja?
00:00:52: Aber das meiste auch beim Umzug zum Bücher nur lästig.
00:00:54: Du musst ja immer in den Kartons... Anfang macht du die Bücher ganz voll, dann kann es keinem entstragen und so weiter.
00:00:59: Es ist alles verstaubt.
00:01:01: Fünfzig Bücher mehr brauchst du!
00:01:03: Wir können mal in die Liste zusammenstellen, fünfzig Büchern auch zuviel, dreißig Bücher, zwanzig Bücherszwanzig Bucher.
00:01:09: Was liest man am Ende noch?
00:01:11: Boomer sind ja per Definition Menschen, die dem Tode nahestehen, die sich sichtbar dem Ende nähern aber jetzt noch Rente kassieren.
00:01:20: Und mal im Ernst, sind Bücher dann ein ernsthaftes Problem?
00:01:36: Okay, ich werde umziehen und ehrlich gesagt sind Bücher deshalb tatsächlich ein Problem.
00:01:42: Noch sind sie kein Problem denn Sie verhalten sich ja relativ still und wenn man sie nicht beobachtet bewegen sie sich auch nicht.
00:01:49: aber sie werden sich bewegen müssen.
00:01:52: zonerten.
00:01:53: Bücher an sich sind ja verdammt träge und nehmen Platz weg.
00:01:57: Und das Problem, dass ich meine passt exakt zwischen zwei Deckel besteht überwiegend aus Papier aber hat – das muss man anerkennen – oft ja eine lange Geschichte!
00:02:06: Manchmal sind Bücher auch extrem unterhaltsam….
00:02:09: Gute Romane zum Beispiel sind wie Filme nur eben getippt und dadurch noch weiter im Inneren wirksam.
00:02:16: Aber mit der Schrift fängt er ärger ja an, auch philosophisch.
00:02:20: in seinem siebten Brief brüstet sich Plato geradezu damit dass er überhaupt nichts geschrieben hat das Nichts aufgeschrieben wurde.
00:02:28: Man sollte gar nicht alles schriftlich festhalten sagt er Das Denken müsse sich weiter bewegen.
00:02:34: so wie die Welt auch beginnt gar nicht erst mit der schrift Denn mit der Schrift beginnt der Niedergang, der mündlichen Überlieferung und Kultur.
00:02:43: Der Niedergang das Gedächtnis ist, dass man glaubt nach und nach ablegen zu können.
00:02:48: weil man sich sicher auf dieses Nachlesen auf Bücher verlässt hätte es ohne Schrift- und Buchdruck, ohne die Möglichkeit Pamphlete flächendeckend über die Welt zu verteilen einen dreißigjährigen Religionskrieg gegeben und damit Millionen von Toten.
00:03:02: Bücher können gefährlich werden Und deshalb haben die Nazis Bücher gesammelt und Bücher verbrannt.
00:03:08: Institutionen wie der Penn wissen ebenso, wie all die Schriftstellerinnen und Journalisten, die gegen autoritäre Regime kämpfen.
00:03:16: Das für ein Unrechtsregime nichts so gefährlich ist als das wahre, kluge Menschen- und Situationen treffende und das unrecht sowohl beschreibende wie kritisierende Wort.
00:03:27: Bücher vernichten am ehesten genau diejenigen, die sich davor fürchten!
00:03:32: Da scheint sich inzwischen ein bisschen geändert zu haben, weil Bücher als eine weitere Form des Druckgeschäfts angesehen werden.
00:03:39: Also was Ökonomisches!
00:03:41: Und einen öffentlich-rechtlicher Literaturkritiker wie Dennis Schäck haut entsprechend umgehindert seit dreizehn Jahren Bücher in die Tonne, die ihm aus unterschiedlichen Gründen und zwar auch aus reiner Laune einfach nicht gefallen.
00:03:55: Während er sie in die Tone haut, tritt er auch noch gelegentlich verbal nach, zuweilen auch in Bereiche unterhalb der Gürtelinie.
00:04:02: Das erweckt den Eindruck, dass Bücher Vernichtung die Haupttugend und Aufgabe eines guten und klugen Literaturkritikers sei.
00:04:11: Doch während Dennis Schek ein professionell bezahlter Bücher-Wächsschmeißer ist müssen derzeit Tausende eher zehn Jahr sogar hunderttausende von Menschen Bücher wegschmeißen, die sie gerne behalten würden.
00:04:24: Harald Schmidt kann das!
00:04:26: Gut erklären.
00:04:27: Früher habe ich auch alles aufgehoben, die ganzen Räklam-Hälfte aus der Schule und so weiter... Alles Quatsch!
00:04:31: Man guckt nie mehr rein.
00:04:32: Und jetzt hab' ich angefangen.
00:04:34: während der letzten sechs Umzüge, ja?
00:04:36: Habe ich angefang Bücher wegzuwerfen.
00:04:38: Also es sind die Umzügen, die Boomer zwingen Bücher weggeschmeißen.
00:04:42: Warum?
00:04:42: Naja, so ein Boomer wohnt alleine in so einer dreihundertfünfzig Quadratmeter Villa am Meer.
00:04:50: Dann schmerzen die Knie beim Gang durch das riesige Wohnzimmer, an dem auch noch einen Billardtisch steht Und dann die Treppen hoch.
00:04:57: Die Luft ist auch am Meer noch zu feucht, Stichwort Räumer.
00:05:01: in der Nähe stirbt ein Wal über den die ganze Welt berichtet und im Dorf gibt es zwar einen Lidl aber die beiden Bäcker haben zugemacht mit den leckeren Teilchen.
00:05:10: Es gibt doch keinen Kaffee mehr indem der Kaffe wirklich schmecken würde.
00:05:13: uns gibt keine gemütliche Kneipe mehr alles dicht und ohne Auto kommt man auf dem Land nach dem Einkauf kaum noch den Berg hoch bis zu seiner Villa Obwohl das Haus natürlich mega ist von tollen Architekten gemacht, der Innenarchitektin hat es toll eingerichtet.
00:05:31: Man fühlt sich richtig wohl, versprüht dann doch den Klang der eigenen Schritte morgens auf dem Marmor-Fußboden.
00:05:38: inzwischen so ein Gefühl von Einsamkeit.
00:05:41: und dann kommt auch noch nach dieser hart aber fair Sendung dieser böse Eindruck dass man als Boomer Familien mit Kindern und Hund im Grunde gelohnt nur den Platz weg nimmt.
00:05:54: Ja, außerdem kommen schon die ersten Leute klopfen und fragen ob man überhaupt noch lebt.
00:06:00: Da kommt allmählich doch der Gedanke auf bei dieser ganzen Boomer Generation, ob es nicht in einer Stadt, in einer kleineren Wohnung gemütlicher und lebenswerter und auch moralischer ist zu leben.
00:06:13: In der Stadt nimmt man zwar den Singles dann den Wohnraum weg aber man trifft mehr Boomer.
00:06:19: Dumm ist nur dass in der Regel der viele Wohnraum auf dem Land viel preiswerter ist als der kleine, wenige Wohnraum in der Stadt.
00:06:31: Das Bücherproblem erklärt von einem Umzugsspezialisten.
00:06:35: Aber zurück zum Problem namens Bücher.
00:06:37: Ich habe weil ich umziehen muss neulich mit einem Umzugsunternehmer gesprochen.
00:06:42: Der erzählte mir und das ist wirklich nicht erfunden Originalton folgendes Erstens sagte er Wird ich ständig von Leuten ihres Alters gefragt, ob ich nicht kisten?
00:06:51: Ja ganze Keller voller Wein!
00:06:53: Guten Wein geschenkt haben wolle.
00:06:55: Herr Skobel die Leute trinken nichts mehr.
00:06:58: Das bringt mich zum zweiten Herr Skobil.
00:07:01: was der Weilen im Keller ist das sind die Bücher im Rest des Hauses.
00:07:05: Sie glauben das nicht, dass mir von Boommern wie Ihnen – Entschuldigung, dass ich das jetzt so sage – ständig ganze Bibliotheken angeboten werden.
00:07:13: Nicht nur angebotten!
00:07:14: Ich werde angefleht diese Bücher zu nehmen weil sie anderenfalls im Müll landen
00:07:19: würden.".
00:07:20: Was ja nicht weiter schlimm ist aber den Menschen tut es eben weh.
00:07:23: die können sich schwer trennen Erinnerungen und so weiter.
00:07:26: Sie kennen das heißt Gobel?
00:07:27: Aber erzählte er mir dann für ihn sei das durchaus gute Entwicklung, nicht nur wirtschaftlich wegen der ganzen Umzüge und so.
00:07:35: Denn dann habe ich auf diese Weise eine eigene Bibliothek auf etwa fünfzehntausend Exemplare aufstocken können.
00:07:44: Meine Kinder sollen ja was lesen!
00:07:46: Fünfzehnteusend Bücher – das ist in etwa die Zahl, die ich inzwischen habe genauer die zu mir gekommen ist, was wenn es nach meiner Familie geht bedeutet dass ich etwa vierzehntausend neunhundertfünfzig Bücher zu viel habe auf die ich problemlos verzichten könnte.
00:08:06: Habe ich jene Bibliothek aufbauen wollen?
00:08:08: Klare Antwort.
00:08:10: Nein, habe ich nicht!
00:08:11: Hab' ich Bücher gesammelt?
00:08:13: Nein, ich habe sie nicht gesammeld'.
00:08:15: Ich hab Sie aber auch nicht abgeschafft in der
00:08:16: Zeit.".
00:08:17: Warum habe ich dann so viele
00:08:18: Bücher?".
00:08:19: Naja weil eins zum anderen führt und das eine Buch die Spur zum nächsten legt.
00:08:23: naja und dann kommt das nächste Buch.
00:08:24: Und außerdem habe ich so viele Bücher weil ich tatsächlich die meisten davon gelesen habe und für meine Arbeit gebraucht habe und dachte naiv wie ich damals war dass sich diesen sich von alleine vermehrenden Schatz des Wissens, der Erzählung, der Gedichte, der Kunst brauchen und weitergeben könnte.
00:08:42: Aber alles falsch!
00:08:44: Grundfalsch!
00:08:45: Ich hätte damals schon wirklich damals schon auf Harald Schmidt hören
00:08:49: sollen.".
00:08:49: Es lohnt
00:08:50: sich nicht.
00:08:51: im Grunde braucht man ein Regal mehr.
00:08:54: Bücher Bestehen überhaupt nicht dein Test durch die Zeit?
00:08:59: Du hebst natürlich alles auf.
00:09:00: Ich heb fast alles auf,
00:09:01: ja!
00:09:01: Ja du möchtest deine Bibliothek aufbauen?
00:09:03: Ja damit...ja klar!
00:09:04: Damit auch weitere Generationen etwas von diesen wunderbaren Büchern
00:09:08: haben.
00:09:08: Vollkommen einer Quatsche!
00:09:10: Nie gehen ein Kind hin und holt sich ein Buch von der Eltern.
00:09:13: Das sind immer diese Schriftstellerbücher.
00:09:15: ich weiß noch als mein Vater mir sagte jetzt bist du alt genug um dir einen Buch ganz oben auf der Leiter zu holen.
00:09:26: Auf
00:09:26: Dauer hat das alles keinen Bestand Das fliegt alles raus.
00:09:35: überhaupt noch trägt.
00:09:36: Was hält, was lohnt sich?
00:09:37: Liest man überhaupt noch wenn man weiß dass man sterben wird?
00:09:40: und was liest man dann?
00:09:42: und warum ist Bücher lesen also im Grunde nur etwas für junge Leute weil die noch vital sind und glauben ja sie haben ja Zeit genug um ihr Leben mit diesen komischen Büchern verdammeln zu können?
00:09:52: Antwort nein eher nicht denn junge leute lesen zunehmt weniger Bücher.
00:09:57: und wenn Jugendliche heute lesen Dann überwiegend sogenannte New Adult Books, die inzwischen überwiegend von K.I.s geschrieben werden und den Verlagen zwar super Einkünfte bescheren was nett ist aber ansonsten eher klischeehaften Vampir-Romance Fantasy Geschichten ähneln die dann so ein bisschen mit einer Portion Tinder und Fifty Shades of Grey verrührt werden.
00:10:25: Allgemeine Bücher und Leseaversion?
00:10:28: Keine Stadtbibliothek keine Uni Bibliotheke.
00:10:31: niemand wirklich Niemand will ältere Bücher, egal was drinsteht.
00:10:36: Und das obwohl sie ein Buch durchaus ja das Potenzial hat eine entscheidende Lebensfrage zum Beispiel beantworten zu können glaube ich ob in Form eines Romans eines Gedichts oder auch mal in Form des Sachbuches.
00:10:48: aber auch Studierende die ja noch lernen müssen also sich bilden müssen und so weiter lesen kaum.
00:10:54: doch Das bestätigen mir all meine Kolleginnen und Kollegen an Hochschulen- und Universitäten immer wieder, wenn ich sie da nachfrage.
00:11:00: Und selbst wenn man die gegenwärtig zwei Millionen achthundertsechzigtausend Studierenden bei uns in Deutschland beiseite lässt bleiben noch etwa dreinfünfzigtaussend Professorinnen und Professoren und rund zweihundertfünfzehntausend Männer und Frauen, die in der Lehre oder in der Forschung arbeiten – die meisten davon haben!
00:11:18: Bücher.
00:11:18: nimmt man Angestellte und Verwaltung dazu, dann arbeiten insgesamt fast eine dreiviertel Millionen Menschen im Umfeld von Hochschulen und Universitäten.
00:11:28: Man sollte meinen das sei ein natürliches Umfeld für Bücher die dort auf hochbahnboden fallen.
00:11:35: Irrtum!
00:11:36: Niemand mag sie mehr.
00:11:37: Die Folge Bücher werden weggeschmissen.
00:11:40: Das geschieht in drei Formen, die Harald Schmidt euch jetzt noch mal erklärt!
00:12:08: Wobei der Bücher Müll im Grunde ja getrennt werden müsste, obwohl es Vorlehen gar nicht mehr gibt wegen des Plastiks.
00:12:15: Gute Entwicklung!
00:12:16: An Details wie diesen sieht man was sich seit Harald Schmidt alles verändert hat.
00:12:20: kein Plastik um die Bücher.
00:12:21: das hilft sie einfacher wegschmeißen zu können weil man das Plastikt nicht eigens in der gelben Tonne entsorgen muss.
00:12:29: Büchervernichtung, das gehört inzwischen bei uns zum Alltag.
00:12:33: Sie geschieht jeden Tag in Wohnungen und Häusern jeder Art – in Zabelitz unweit von meisten genauso wie am Stammbärger See, im Morgenröte Rautenkranz genau so wie in Wien oder Zürich!
00:12:44: Ein Mensch der dreißig-vierzig Jahre lang gelehrt, geforscht, geschrieben, gelesen mit dem Gelesenen gelebt hat muss seine Räume und damit sich selbst gegen Lebensende verkleinern.
00:12:57: Die Kinder sind ausgezogen, der Partner möglicherweise gestorben.
00:13:01: das Pflegeheim ruft also Schluss mit diesem viel Buch.
00:13:05: da sein.
00:13:05: im Ernst geht tatsächlich viel verloren.
00:13:08: wenn man Bücher wegschmeißt wird nicht nur gejammert ist es überhaupt ein ernstzunehmendes Problem?
00:13:14: feststeht dass Bücher das Zentralmedium der Bonner Boomer-Generationen waren, trotz Radio und Fernsehen.
00:13:21: Und dann kam hier auch noch Internet, obwohl bis vor kurzem noch nicht klar war ob sich das Internet wirklich in Deutschland so durchsetzen würde.
00:13:27: All das ließ eine spezifische Kultur des Büchersammelns entstehen zumal Bücher ja nicht wie Gegenstände wahrgenommen wurden sondern in gewisser Weise tatsächlich – da ist ja was dran als Lebensmittel, nämlich Hilfsmittel die ein primäres Speicher- und Denkwerkzeug waren.
00:13:46: Und zudem Gesprächspartner in schlaflosen Nächten.
00:13:49: Bücher waren das materielle Substrat geistiger Arbeit.
00:13:54: Und die schlug sich auch in den Randnotizen und Anmerkungen in den Büchern selber nieder, die jetzt zusammen mit dem Bücher natürlich weggeschmissen werden!
00:14:02: Eine Philosophie-Professoren, die sagen wir mal so um neunzehnthundertfünfundsebzig ihre Habilitation abgeschlossen hat, hatte in den nächsten dreißig bis vierzig Jahren vermutlich zwischen fünf bis zehntausend Bücher gehortet angesammelt Viele davon randvoll mit marginalien Unterstreichungen, eingeklebten Zetteln ausgerissenen Zeitungsausschnitten.
00:14:22: Aus denen dann wie bei dem Philosophen Ludwig Wittgenstein wiederum neue Bücher entstanden – aus Zettel können neue Büchern entstehen!
00:14:31: Aus Newtons Randnotizen in seinen Büchtern wissen wir zum Beispiel heute, wie er zu bestimmten Erkenntnissen im Leben gelangte.
00:14:39: In Bücheren sind also nicht nur die Tinten und Druck oder Kaffeespuren enthalten sondern ganze intellektuelle Biografien.
00:14:46: Bücher dokumentieren, wann jemand was wie gelesen hat?
00:14:50: Wie er oder sie darauf reagiert hat?
00:14:52: Was sowas ausgelöst hat?
00:14:54: Welche Passagen als bedeutsam markiert wurden und welche mit dem Fragezeichen an den Rand kommentiert wurden?
00:15:00: All das landet jetzt im Container!
00:15:03: Das Gefühl dass sich einstellt ist, dass das was gedacht, was mal geschätzt und festgehalten werden sollte Im Grunde nur ein Umweg war eine Art Übergang, dessen finales Ziel die Mülltonne ist.
00:15:19: Es klingt wie eine Parodie auf Sein und Zeit denn mit den Seiten vergeht Lebenszeit und auch wenn man selber noch nicht... vollständig kompostiert ist, sondern sich lediglich auf dem Weg dahin befindet muss man als Boomer rechtzeitig genug dafür sorgen dass die Produkte des geistigen Stoffwechsels rechtzeitig nachhaltig und umweltschonend vernichtet und entsorgt werden.
00:15:44: Und das hinterlässt so ein ungutes vorzeitiges Gefühl des eigenen Unwärts angesichts der bevorstehenden finalen Vernichtung auch des eigenen Denkens und Empfindens, was im Volksmondjahr Tod genannt wird.
00:16:02: Warum Bibliotheken?
00:16:04: Nein sagen!
00:16:05: Dass gerade biblioteken Bücher seit Jahren bereits ablehnen ist nur auf den ersten Blick ein kulturpolitischer Widerspruch – denn alle öffentlichen Bibliothäken in Deutschland arbeiten mit zunehmend knappem Etas und enger werdender Stellfläche.
00:16:20: Also haben sie minimal Bestandspflegekonzepte entwickelt, die auf Aktualität und Auslei Häufigkeit setzen.
00:16:29: Ein Buch das länger nicht ausgeliehen wurde, fliegt raus!
00:16:33: Kündigung!
00:16:34: Platz ist teuer, Digitalisierung kostet... Das Personal ist auch knapp also raus!
00:16:40: Wissenschaftliche Bibliotheken haben ganz eigene Aufnahmekriterien und nehmen Schenkungen Nur mit spitzen Fingern an, wenn sie eindeutig in den Bestandsschwerpunkt unserer Bibliothek passen und nicht unnütze Dupletten schaffen.
00:16:56: Schulbibliotheken also dort wo man am ehesten von einer wirklich demokratisierenden Wirkung träumen könnte.
00:17:04: Schulbibliotheken existieren in Deutschland im internationalen Vergleich erschreckend und wirklich erschrecknd rudimentär.
00:17:11: Die PISA-Studien haben das belegt, aber die entsprechenden Forderungen wurden politisch nie ernsthaft umgesetzt – was übrigens nicht nur mit Büchern und Bildung so ist leider.
00:17:20: Tatsache ist dass sie bei der Untersuchung erfolgreichsten Länder in der Regel überräumlich Inhaltlich und auch personell hervorragend ausgestattete Schulbibliotheken verfügen, die ihrerseits wiederum eingebunden sind in ein gut organisiertes Schulbiblotiksystem inklusive bedarfgerechter Beratung.
00:17:40: Nicht jede Bibliothek ist ja gleich ein lebendiger Klug der toten Dichte – aber immerhin auf dem Weg dahin!
00:17:46: Das Leserinnen-und-Leser sich mit ihrem Bewusstsein analog und damit seriell von einem Anfang auf Seite eins in Richtung auf ein Ende des jeweiligen Textes zu bewegen, erscheint total old-school und altmodisch.
00:18:01: Digitale Texte hingegen erwecken den Eindruck endloser, absatzloser Ozeane der Zeichen – sind aber unübersehbar in ihrer Endlosigkeit und bieten weder Orientierung noch erlauben sie eine richtige Übersicht.
00:18:15: Außerdem sind sie erschlagen weil das Scrawling nie einen Ende nimmt!
00:18:22: Andererseits gibt es natürlich Nachteile des klassischen Buchs.
00:18:25: Es gibt zum Beispiel keine Hyperlinks, es gibt nicht die Möglichkeit mit Suche die Wörter zu finden nach denen man gerade sucht.
00:18:34: Keine Algorithmen gibt's, die den nächsten Abschnitt vorschlagen und man muss umblättern.
00:18:40: Die Seiten machen das nicht automatisch.
00:18:42: ein Buch ist stur.
00:18:43: im Grunde genommen sind Bücher ja gedankenlos und vor allen Dingen auch batterielos.
00:18:48: aber Und das wiederum zeigen neurowissenschaftliche Untersuchungen.
00:18:52: Analoge Bücher erlauben im Unterschied zu digitalisierten Büchern eine deutlich bessere Orientierung.
00:18:59: Das Lesen auf Papier aktiviert andere neuronale Prozesse als das Lesen of Bildschirm.
00:19:06: Marian Wolff ist eine US-amerikanische Psychologin, Neurowissenschaftlerin und Hochschullehrerin die unter anderem an der University of California in Los Angeles forscht und Direktorin des Centers for Dyslexia, Diverse Learners and Social Justice ist.
00:19:22: Sie hat eindrücklich erforscht wie das gedruckte Buch einen Lese-Modus fördert der tief langsam rekonstruierend einfühlend ist was sie Deep Reading nennt Und auf diese Weise vor allem bei Romanen andere Möglichkeit wie gesagt der Einführung in andere fremde Lebenswirklichkeiten gibt Empathie ermöglicht.
00:19:47: Dieses tiefe Lesen, Deep Reading ist nicht nur angenehmer es auch kognitiv anspruchsvoller und produktiver, denn es aktiviert empathische Prozesse, metakognitive Reflexion also Reflexionen über sich selber und kreative Assoziation auf eine Weise die flüchtiges Bildschirmlesen kaum oder nur selten erzeugt.
00:20:12: All das ist keine nostalgische Boomerklage über die gute alte Zeit, wo alles besser war.
00:20:19: Sondern eine empirisch gestürzte Aussage über Ökologie des Denkens und Lesens.
00:20:31: Fakt ist Bücher werden tonnenweise weggeschmissen zurzeit.
00:20:36: Zwei letzte Thesen dazu!
00:20:38: Der erste Gedanke ist, dass es sich mit dem Wegschmeißen von Büchern so verhält wie mit den Entsorgen der Vinylplatten das Mitte der achtziger Jahre mit der flächendeckenden Einführung der digitalen CD-Formate begann.
00:20:50: Inzwischen gibt's nicht nur ein gigantisches Vinylrevival gerade die großen Bands für öffentliche längst wieder zuerst Vinyl platten.
00:20:59: Es gibt auch ein echtes Comeback, dass Musiker wie Neil Young mitpromotet haben weil sie immer wieder darauf hingewiesen haben wie viel besser die Qualität von Schaltlatten im Vergleich zu CDs ist.
00:21:12: Ich könnte dazu einiges sagen, aber verknallt mir das jetzt!
00:21:15: Also erste These?
00:21:16: Viele der Bücher – ich sag auf keinen Fall alle Bücher-, viele Bücher, die jetzt gerade weggeschmissen werden und in der Tronne landen wird man in zwanzig oder dreißig Jahren zu suchen beginnen.
00:21:29: Ich erlebe es heute schon ständig, dass Bücher im Handel einfach nicht mehr zugänglich sind.
00:21:33: Vergriffen out of print meine Progrose.
00:21:36: Es wird wieder einen Bücher Boom geben, auch wenn ich als Boomer diesen Boom nicht mehr miterleben werde.
00:21:43: Und hier ist These Nummer zwei was derzeit geschieht ist dass sich analoge und digitale Formate immer mehr vermischen.
00:21:52: sie stehen in Wechselwirkung.
00:21:54: Was konkret bedeutet das sich in unser bisheriges analoges Wissen was sich ein Büchern widerspiegelt Immer mehr synthetisch erzeugte Daten und Texte mischen.
00:22:05: Das selbe gilt übrigens auch für Musik oder Podcast.
00:22:07: Pro Tag werden auf Spotify etwa hunderttausend neue Songs oder Podcasts hochgeladen, von denen geschätzte vierzig bis fünfundvierzig Prozent tatsächlich bereits KI generiert sind.
00:22:18: Auch in der Wissenschaft mischen sich KI-generierte also künstlich erzeugte synthetische Inhalte mit realen Daten was zunehmend dazu führt sich wieder auf Analoge, weil verlässlichere Quellen zu beziehen.
00:22:31: Bücher ändern sich in der Regel nicht jedenfalls nicht das was drin steht.
00:22:35: Wenn ich beispielsweise aus Forschungszwecken Kant lesen will und mir dabei irgendeine Ausgabe aus dem Netz runterlade habe ich keinerlei Garantie dafür dass der Text den ich dann lese wirklich der ursprüngliche von Kant stammende Text ist Das es mit einer sogenannten historisch kritischen Textausgabe in analoger Buchform anders.
00:22:57: Sie ist verlässlich, weil sie vielfach geprüft und überarbeitet wurde und dann auch in einer nicht mehr veränderbaren Form gedruckt
00:23:05: wurde.".
00:23:06: Und das ist meine zweite These – um die Flut von fakes-und synthetischen Daten und Gedanken überhaupt erkennen und noch entsprechend einordnen zu können brauchen wir analoge Bezugspunkte und müssen unsere analogen Orte des Rückzugs sogar ausbauen.
00:23:25: Wir dürfen sie nicht vernichten, nur das ermöglicht uns einen Überblick.
00:23:29: Bücher die als Medien eben gerade nicht interaktiv sind können solche Orte sein.
00:23:34: ich sage nichts sind die einzigen aber es können solche orte sein.
00:23:37: Interaktiv werden Sie ja erst wenn wir uns über sie unterhalten, aber dann bleiben die Bücher.
00:23:43: Das Paradoxe ist dass gerade in einer Zeit, in der wir zunehmend analoge Anker brauchen genau solche analogen Orientierungspunkte flächendeckend weggeschmissen und vernichtet werden sowie irgendein beliebiger Abfall!
00:23:57: Ist das klug?
00:23:58: Ich selber... Ich bin klar für den Einsatz von KI-Systemen und glaube, dass wir in Deutschland derzeit einerseits viel zu vorsichtig und andererseits noch viel zu hoffnungsvoll mit KI- Systemen umgehen.
00:24:10: Aber gerade weil wir zunehmend KI-systeme einsetzen müssen sollten wir auch wissen das wir analoge Anker brauchen!
00:24:18: Und das sind für mich jedenfalls neben anderen Menschen und deren Gedanken vor allem Bücher – und es wieder strebt mir daher fundamental meine Bücher wegzuschmeißen Obwohl ich gerade sowohl deren steigenden Bedeutung erkenne, wie auch ihren steigenen Wert als zukünftige Retroartikel sehe.
00:24:36: Frage.
00:24:37: Wurde in den letzten Jahren zu viel produziert?
00:24:39: Zuviel misstproduziert?
00:24:41: Gibt es eine Überproduktion?
00:24:43: Klare Antwort ja!
00:24:45: Das meiste
00:24:46: von Goethe ist sterbends langweilig.
00:24:47: Ja das stimmt
00:24:49: aber...
00:24:49: Hey Germanisten nehmen mal den Finger aus dem Tee.
00:24:55: Das grandiose Angoete was die Zeit überdauern wird ist er als Person, sein Lebensstil.
00:25:02: Sein umfassendes Interesse für alle.
00:25:04: Seine... seine großartige Statements zur Kanonale von Balmy, wo er beschreibt wie der Regenbogen sich in der Pfütze spielt.
00:25:12: Iphigenia von Tauris kann doch im Ernst keiner gut finden?
00:25:15: Ja
00:25:15: das ist
00:25:15: voll stark aber ich weiß es nicht.
00:25:16: Da schmeißt
00:25:16: du doch weg!
00:25:17: Aber Faust ist großartig.
00:25:19: Warum?!
00:25:21: Das ist mal so eine Behauptung.
00:25:23: Nein,
00:25:23: das liest ich auch wirklich.
00:25:24: Der erste Teil ist ganz okay im zweiten Teil.
00:25:26: Das ist ein bisschen...
00:25:27: Ja natürlich zieht sie es dann.
00:25:28: aber wer liest in den zweiten Teil?
00:25:32: Ich finde Wer Goethe zu weiten teilen wegschmeißt Beweisstil.
00:25:37: Wird sich das ändern wenn weniger oder keine Bücher mehr gedruckt werden?
00:25:41: Nein!
00:25:41: Im Gegenteil Denn die Flut des Digitalen ist erst recht unauffaltsam und wird viel leichter vermehrt und kopiert.
00:25:49: Zudem entstehen mit jeder neuen Nutzung einer KI neue KIs, denn jede einzelne Suchabfrage schafft neue synthetische Daten!
00:25:57: Und das sorgt für einen kontinuierlichen Anstieg der Flut.
00:26:02: Übrigens gibt es erste Untersuchungen, die zeigen dass Chatchi-PT dümmer geworden ist weil sich synthetischen Daten immer mehr mit analogen Daten vermischen.
00:26:09: Das Netz füllt sich zunehmend Texten, die von KI-Systemen erzeugt wurden.
00:26:14: Wenn die nächste Generation von Sprachmodellen auf diesen Daten trainiert wird, trainiert sie auf eine partiell selbst erzeugten erfundenen Wirklichkeit ein Phänomen das in der Fachliteratur Model Collapse oder Synthetic Data Pollution genannt wurde Verschmutzung von Daten durch synthetische Herstellung.
00:26:34: Die Konsequenz ist ebenso türkisch wie sie stillschweigend einfach geschieht.
00:26:40: Das, was als Text im Netz kursiert verliert schrittweise seinen Bezug zur gelebten körperlichen historisch situierten Erfahrung.
00:26:49: KI-Texte sind immer statistisch plausibel aber sie entstammen keiner Begegnung mehr mit der Wirklichkeit.
00:26:56: Sie haben niemanden erschüttert und keine Zweifel erzeugt keine schlaflose Nacht verursacht, sie sind in einem tiefen Sinne Resonanz leer.
00:27:06: Wir hingegen sind und bleiben analoge Wesen die über Jahrhunderttausende gelernt haben in analogen Umgebungen zu leben – uns gutzuleben!
00:27:14: Das bedeutet nicht KI-Systeme zu stoppen was ohnehin nicht mehr möglich wäre.
00:27:19: es bedeutet lediglich mit unserem analogen Erbe nicht völlig blind umzugehen einfach in die Mülltonne zu hauen.
00:27:26: Es ist im Interesse aller das, was wir haben gemeinsam weiterzunutzen und das bedeutet eben auch statt Vernichtung neue Formen des Teilens und der gemeinsamen Nutzung zum Beispiel von Büchern zu erfinden so wie ich das jetzt löse.
00:27:42: ganz ehrlich Ich fürchte niemand will die Bücher haben Und dann müssen viele meiner guten Freunde und Freundinnen auf den Müll landen.
00:27:53: und Tschüss
00:27:54: Skobil von und mit Gert Skobel, produziert von der Pro Bono Fernsehproduktion GmbH.
00:28:00: Post-Produktion René Féchelle Musik Pascal Hadré Sprecherin Kim Plette Meier.
00:28:06: Finanziert wird dieses Projekt von der gemeinnützigen Stiftung AVE dem Institut für Achtsamkeit Verbundenheit und Engagement.
00:28:14: Den Link dazu findet ihr in der Folgenbeschreibung.
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